Pfarrer Norbert Nikolai berichtet
von seiner pastoralen Arbeit im Gefängnis von Lima

Seit 2009 arbeitet Pfarrer Norbert Nikolai im größten Männergefängnis Lateinamerikas. Der Perukreis Lauf hatte ihn zu einem Lichtbildervortrag eingeladen, den viele Zuschauer und Zuhörer gespannt und teilweise sprachlos verfolgten. Das Gefängnis ist für 2.500 Männer gebaut und zur Zeit mit über 9.700 Gefangenen total überbelegt. Die hohen Gefängnismauern sind von Scharfschützen gesichert und machen jeden Fluchtversuch fast unmöglich.
Innerhalb dieser Mauern hat sich ein Organisationssystem entwickelt, das in Europa undenkbar ist, aber von den Justiz- und Regierungsbehörden in Lima geduldet wird. Es gibt keine Zellen, in welche die Gefangenen eingeschlossen werden. Das riesige Gefängnisareal ist in 21 Blöcke eingeteilt und diese in Räume, die eher Sälen ähneln. In diesen Räumen leben durchschnitlich 20-30 Gefangene, manchen verfügen über einen Platz in einem der Stockbetten, andere schlafen auf dem Betonboden. In diesen Räumen wie auch in den großen Blöcken herrschen mafiöse Strukturen und damit letztlich das Recht des Stärkeren. Jeder muss sein Leben durch Arbeit sichern. Manche arbeiten auf eigene Rechnung und Risiko beispielsweise als Friseur, als Getränkehändler, als Metzger, als Koch aber auch als Drogenproduzent, Drogenhändler, Zuhälter oder Waffenhändler. Es ist allen bekannt, im Block 1 wird Crack produziert.
Eine Rechtsordnung bestimmt durch Gesetze, Verordnungen oder Richtlinien wie bei uns,  gibt es nicht. „Recht" und Macht" hat, wer über Geld verfügt und/oder Gewalt ausüben kann. Wer Geld besitzt, kann sich durch Bezahlung von Mitgefangenen oder auch von Wärtern Vorteile verschaffen. Korruption ist nach einer repräsentativen Umfrage in Perú das wichtigste gesellschaftliche Problem, dies gilt in besonderem Maße auch für Polizei und Justiz. Bereits an den straßenbreiten Eingangstoren kassieren die Wärter Geld, damit Waren und Besucher/innen ins Gefängnis hineinkommen. Mittwochs und samstags bilden vor den Gefängnismauern bis zu 5.000 Ehefrauen, Freundinnen und Prostituierte eine lange Schlange. Ob Geld oder Lebensmittel, eigentlich für die Insassen bestimmt, irgendetwas müssen sie immer am Eingang abgeben. Sie gehen mit in die Blöcke der Gefangenen, die extra für diese Tage Damentoiletten, kleine Innenhöfe und Spielplätze angelegt haben. Einmal im Monat kommen auch die Kinder mit zu Papa. Viele wurden erst hinter diesen Mauern gezeugt. Die breiten Straßen zwischen den Blöcken dienen auch als Schlafplätze für diejenigen Gefangenen, die aus irgendwelchen Gründen von ihren Mitgefangenen aus den Räumen und Blöcken ausgeschlossen wurden. Jeden Tag kommen zwischen 30 und 50 neue Gefangene hinzu, die auf die 21 Blöcke aufgeteilt werden. Schwerverbrecher kommen so mit Kleinkriminellen zusammen, die vielleicht nur ein Handy geklaut haben. Es gibt in Perú kein Untersuchungsgefängnis, so dass alle hier ein bis zwei Jahre im Gefängnis auf ihr Urteil warten müssen. Das Gefängnis wird so zu einer Schule für Kriminalität.

Die Resozialisierung der Gefangenen, die eigentlich der Staat leisten müsste, wird leider allzu oft durch Korruption und einen schwerfälligen Rechtsapparat verhindert. In der „Capellanía" (kirchliche Räume) begleiten über 40 Ordensschwestern, Ex-Häftlinge und Ehrenamtliche viele Insassen, ungeachtet von Religion und Schwere des Verbrechens in vielfältigen Kursen und Gesprächen. Pfarrer Norbert Nikolai bietet  hier den Gefangenen eine menschliche Nische in dieser Hölle auf Erden. Er spricht mit den Gefangen, er frägt aber nie nach der begangenen oder zur Last gelegten Tat. Durch seine beeindruckende menschliche Art , schenkt er den gefangenen Menschen unabhängig von dem,  was war, seine Kraft und Liebe. Er vermittelt Hoffnung und Perspektive. Nikolai sprach von den beeindruckenden Momenten, wenn jeden Sonntag über 400 Männer ihre Stimme zu Gesang und Gebet vereinen. In diesem Dschungel der Macht, der Korruption und Drogen versucht er mit seinen Helfer/innen das Angesicht Jesu in den Gefangenen und ihren Wärtern immer wieder sichtbar zu machen.

 

Pfarrer Norbert Nikolai, Klaus Sauer (v.l.)
 
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