2015 Netzwerk Kawsay
Im Gemeindehaus St. Josef referierte am 10. Januar 2015 Padre Vicente Imhof über das Thema Menschenhandel in Perú. Um die Zuhörer an dieses harte Thema heranzuführen, stellte er eingangs „sein Land" vor: Alles, was man über Perú sagt, sei richtig. Es gibt Reichtum, es gibt Armut, man findet landschaftlich einzigartige Schönheit, man findet auch völlig lebensfeindliche Umweltbedingungen vor. Das Land erlebe derzeit einen wirtschaftlichen Aufschwung. Mit dazu beigetragen haben drei neue Ost-West-Straßenverbindungen, die auch für Brasilien und Bolivien einen Zugang zum Pazifik ermöglichen.
Verschieden von den europäischen katholischen Kirchen -und ganz besonders von der katholischen Kirche in Deutschland- stellt sich die peruanische dar. Die Befreiungstheologie wurde in den 1970er Jahren durch die katholische Kirche in Perú weltweit bekannt, deren Begriff der peruanische Dominikaner Gustavo Gutiérrez prägte. Die Mehrheit der Priester sind Ordensleute. Diese arbeiten sehr bezogen auf den jeweiligen Ort und die vorhandene Situation. Hierarchische und einengende kirchliche Strukturen sind nicht brauchbar.
Danach stellte er das Netzwerk Kawsay vor. Kawsay ist ein altes peruanisches Wort, das sich mit Menschenhandel übersetzen lässt. In diesem Netzwerk haben sich peruanische Ordensleute organisiert, um Konzepte für die Hilfe zu entwickeln. Acht von zehn Opfern des Menschenhandels sind Minderjährige im Alter zwischen 13 und 17 Jahren. Die katholische Kirche Perus prangert immer wieder die dramatischen Ausmaße des Menschenhandels an, der vor allem in der Region Madre de Dios mit dem Zentrum Puerto Maldonado verbreitet ist. Padre Vicente berichtete, dass die Flüsse und Böden des Waldes reich an wertvollen Metallen sind. Doch genau dieser Reichtum wird dem Paradies zum Verhängnis. 16 bis 18 Tonnen Gold werden pro Jahr in Madre de Dios produziert – zu 99 Prozent auf illegale Weise. Damit einher geht eine enorme Umweltzerstörung, hauptsächlich verursacht durch den Einsatz von Quecksilber. Doch die Regierung in Lima habe endlich begonnen, den Sumpf aus vergifteten Flüssen, Kinderarbeit und Frauenhandel auszutrocknen. Straßenlang reiht sich in der Hauptstadt dieser Region Bordell an Bordell, in denen Mädchen die Minenarbeiter und auch Holzfäller bedienen.
Wie kann man in dieser Situation helfen? Zunächst einmal habe man nur geschaut und zugehört, sich mit staatlichen Stellen zusammengetan, um zu sehen, was möglich ist. Dabei stellte sich heraus, dass man nicht wie Ivanhoe hingehen könne, rechts und links ein Mädchen nehmen und retten.
Ein Problem ist, dass die Menschen nicht gemeldet sind. Deshalb fällt nicht auf, wenn jemand verschwindet. Zum Beispiel leben offiziell in einem Ort 2.000 Menschen. Auf diese Bevölkerungszahl ist auch die Anzahl der Polizisten ausgerichtet. Aber in Wirklichkeit leben 20.000 Menschen da. Die staatliche Ohnmacht zeigte der Referent an diesem Beispiel auf. „In einem Polizeiposten macht ein einziger Polizist Dienst. Außen auf der Straße bewegen sich bewaffnete Goldschürfer, Goldhändler und Menschenhändler, insofern ist es verständlich, dass der Polizist seinen geschützten Raum nicht verlässt...". Die Korruption ist eine Herusforderung, vor die die Ordensleute immer wieder gestellt werden. Padre Vicente berichtete davon, dass eine im achten Monat schwangere Ehefrau zwei ihrer Monatsgehälter als Schmiergeld aufbringen musste, um eine Versetzung ihres Ehemannes -eines Polizisten- aus dem sehr gefährlichen Gebiet zu ermöglichen. Er hat ihr bestätigt, dass ihr Verhalten richtig war.
Also musste man zuerst einmal dieses Problem anpacken: Deshalb gingen die peruanischen Ordensleute in die entlegenen Ortschaften und fragten die Einwohnerdaten ab, damit später überhaupt ermittelt werden kann, wer fehlt.
Eine Möglichkeit, die Anzahl von verschwundenen Menschen zu ermitteln ist folgende: Padre Vicente berichtete davon, dass jährlich hunderte von Menschen in den Minen und den ausgelösten Schlammmassen sterben müssen. Die Zahl der Toten kann ein Padre daran erkennen, wie viele Totenmessen in Auftrag gegeben werden. In der Bevölkerung haben sich die Glaubensvorstellungen der katholischen Missionare mit den uralten Ritualen aus der Vor-Inka-Zeit vermischt. Man praktiziert noch Opfergaben für die Mutter Erde und die Berggötter. Wenn nun Minenarbeiter unter Schlammmasser elend umkommen, dann gehen deren Geister um. Um diese zu besänftigen, bestellt man Totenmessen. Zu dem kommt, dass die Mädchen in diesem Gewerbe für peruanische Verhältnisse viel verdienen. Welche Möglichkeiten gibt es für sie nach einem Ausstieg?
Eines hat man im Netzwerk Kawsay erkannt: Ein direktes Eingreifen ist aufgrund der realen Macht- und Gewaltverhältnisse unmöglich. Die peruanischen Ordensleute haben aber bereits mehrere „geschützte Häuser" aufgebaut, um den Aussteigerinnen ihre Menschenwürde zurückzugeben. Wichtige Elemente dieser langwierigen therapeutischen, sozialen und seelsorgerischen Arbeit sind Gespräche und Arbeitstherapie.
Mehrfach klangen an diesem Abend die Gedanken von Papst Franziskus an: „Mir ist eine verbeulte Kirche lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist."
Padre Vicente berichtete davon, dass sowohl der peruanische Staat als auch die kirchlichen Netzwerke immer enger zusammenarbeiten, um vorhandene Missstände zumindest abschwächen zu können. Die Erfahrungen des Netzwerks Kawsay sind in ein Strategiepapier der peruanischen Regierung eingeflossen, mit dem man in Perú dem Menschenhandel entgegentreten will ( SEGUNDO INFORME ALTERNATIVO - Un balance desde la Sociedad Civil sobre la situación de la Trata de Personas en el Perú, Noviembre 2014). Er berichtete auch davon, dass nun jeder Fluggast, der auf dem Airport in Lima ankommt, eine staatliche Broschüre erhält, in der auf die Problemtik der Kinderprostitution hingewiesen wird.
